Kanon

Stadtgalerie Saarbrücken von Lydia Kaminski und Philipp Neumann

 

Stadtgalerie Saarbrücken / Innenhof Landeskunstausstellung Saar
30. April – 02. Juli 2017

 

Der Nationalismus ist begründet auf der Utopie einer heilen Welt.

Er bildet eine Einheit im Kampf gegen den gemeinsamen Feind.
Andersartigkeit und die Vielfalt existenzieller und moralischer Fragen sind die Bedrohungen, denen die Utopie ausgesetzt ist. Diese Bedrohungen wach
- sen in einer fortschrittlichen Zeit so rasant an, dass sie anhaltend den Kampf dagegen legitimieren. Im Kampf wird der Glaube an eine ktive Einheit in der zukünftigen Utopie bestärkt. Doch wie sähe diese Zukunft aus? Wie könnte eine Gemeinschaft, die sich nur durch ihre Absonderung von der Aus- senwelt de niert, heute aussehen? Im Rückblick auf die deutsche Geschichte, wie weit würde diese Gemeinschaft gehen? Auch heute brennen wieder Häuser, was wird wohl morgen brennen?

In der Arbeit Kanon widmen sich die Künstler Lydia Kaminski und Philipp Neumann diesen Fragen. In vierzehn Kreidezeichnungen und einer Fabel näh- ren sich die Künstler dem ́Begriff des Nationalismus. 

Der Goldene Bienenstock
In einem goldenen Bienenstock lebte ein goldenes Bienenvolk. Die Bienen erwirtschafteten außerordentlich hohe Honigerträge, denn sie hatten sich einen guten Platz ausgesucht. Sie lebten direkt neben einer Wiese voller wunderschöner Blumen und Gräser. Hinter der Wiese war ein dunkler Wald, aus dem in einiger Entfernung eine schneebedeckte Bergkuppe glänzte. Davor lag ein hellblauer See mit einer kleinen Insel, auf der eine weitere Blumenwie
- se vermutet wurde.
Die goldenen Bienen lebten über lange Jahre im Einklang mit ihrer Umgebung. Sie waren ein geselliges Volk mit allerlei lustigen Ritualen. Sie sammelten so viel Honig, dass ihr Bienenstock glänzte wie die Sonne. Auf der Wiese herrschte ein reger Verkehr, oft kamen die wilden Waldameisen, die bunten Schmetterlinge, oder auch die dicken Fliegen vorbei und spielten mit den goldenen Bienen, oder besorgten etwas Honig für ihre Kinder.
Manchmal schaffte es sogar eine schwerfällige Hummel auf die Wiese, og orientierungslos umher und machte viele Pausen auf vorgewärmten Steinen. Wenn abends die Sonne tief stand und der Wind durch die Wiese streifte, raschelte das Gras und erfüllte die Umgebung mit einem leisen Rauschen. Die Tiere saßen dann oft zusammen, sangen Lieder, tranken Tee oder erzählten sich Geschichten. Alle lebten glücklich miteinander.
Da die goldenen Bienen ein sehr eißiges Volk waren, sammelten sie immer mehr Honig, viel mehr, als sie brauchten. Dieser Reichtum ließ die goldenen Bienen übermütig werden. So träumten sie von einem See, ganz aus goldenem Honig, der in der Sonne glänzt und süß duftet.
Ein goldener See ganz für sie alleine.
Für diesen See brauchte es mehr Honig als die goldenen Bienen jemals zuvor gesammelt hatten und obwohl sie seit je her in Zufriedenheit miteinander gelebt hatten, begannen die goldenen Bienen sich untereinander zu vergleichen. Es entstand ein Wettbewerb darüber, wer am meisten Nektar tragen konnte und es ergaben sich Vorteile für die leistungsstärksten unter den goldenen Bienen. Die besseren Bienen bezogen die größten Waben, ganz weit oben im Bau mit dem schönsten Ausblick über die Wiese. Diese Luxuswaben waren reich und kunstfertig ausgestattet, während die Schwächeren der goldenen Bienen in den engen und dunkleren Waben darunter wohnen mussten.

 

Die besten goldenen Bienen entschieden, dass zur weiteren Steigerung der Honigerträge, alle anderen Tiere von der Wiese verbannt werden müssten. Sie hatten wohl genug von den Abenden mit den wilden Waldameisen, oder mit den dicken Fliegen. Sie wollten keine Zeit mehr verschwenden!
Die schwächeren goldenen Bienen sahen in den Teestunden mit den anderen Tieren den Grund für ihre Schwäche und waren deshalb auch einverstanden mit Verbannung ihrer einstigen Freunde.

Eine Mauer musste her! Und so bauten sie eine Mauer um ihre Wiese, so hoch, dass weder die wilden Waldameisen, die schwerfälligen Hummeln, noch die dicken Fliegen darüber iegen konnten.
Nun kamen keine Besuche mehr.

Da nun der ganze Honig nur noch von den goldenen Bienen gegessen wurde, quollen die Honigspeicher über und die gesamte Wiese wurde von Honig über utet.
Die goldenen Bienen hatten nun ihren goldenen Honigsee. Die dicke Mauer hielt diesen See zusammen. Darin schwammen die goldenen Bienen nun und wackelten stolz mit ihren kleinen Füßen. Sie veranstalteten Honigfeste und genossen es, unter Ihresgleichen zu sein.

Eines Tages gelang es aber einer Gruppe bunter Schmetterlinge, über die Mauer zu iegen und sie entdeckten den duftenden See aus goldenem Honig. Die bunten Schmetterlinge waren überwältigt vom Glanz und der Weite des See ́s und begannen ihre kleinen Taschen mit Honig zu füllen.
Als die goldenen Bienen dies bemerkten, wurden sie wütend, rasselten laut mit ihren Flügeln und vertrieben die armen Schmetterlinge aus ihrem Sperrge
- biet. Getrieben vom Gedanken an ihre Sicherheit beschlossen die goldenen Bienen, ihren goldenen See stärker zu schützen.

Es entstanden neue Berufe im Reich der goldenen Bienen. Es gab Wachtposten, die Tag und Nacht die Mauer zu beschützen hatten und auch der Ar- beitsalltag wurde straffer organisiert, damit der See nicht leerer würde.

Als der Herbst kam, el kein Sonnenstrahl mehr auf den goldenen Honigsee.
Die goldenen Bienen ogen wie wild entlang ihrer Mauer. Unter Ihnen ein klebriger dunkler See, der bald zu gären begann. Muf g war es nun bei den goldenen Bienen, auch wenn sie mit zunehmender Stunde lustiger und geselliger wurden. Immer mehr vergorenen Honig tranken sie und vergaßen ihre Freunde.
Die goldenen Bienen waren nun ein gut organisierter Bienenstaat mit eigenem Staatssee. Es gab eine klare Hierarchie unter ihnen und jede kannte ihren Platz in ihrem Bienenstaat. Es gab goldene Bienen zum Nektar sammeln, goldene Bienen zur Verteidigung und goldene Bienen zur Organisation der Staatsgeschäfte. Wollte eine der goldenen Bienen ihren vorbestimmten Platz verlassen, so wurde sie bestraft.
Als der Winter kam, machten sie Arbeitsschulungen und militärische Übungen. Der goldene See fror ein und und die goldenen Bienen bekamen kalte Füße.

Als es Frühling wurde, warteten sie auf das Erblühen ihrer Wiese. Doch wo all die vorangegangenen Jahre zu dieser Zeit die zart duftende Wiese sprießte, war nun ein ausgetrockneter Honigsee. Kein Sonnenstrahl konnte die Mauer der goldenen Bienen durchbrechen.
Sie hatten in ihrer Selbstherrlichkeit vergessen, wie wichtig die Sonne und die anderen Tiere für ihre Wiese waren. Keine wilde Waldameise kam um
den Boden umzugraben und Ordnung zu schaffen. Keine schwerfällige Hummel half beim verteilen des Blütenstaubs und keine dicke Fliege düngte den Grund.

Doch was das Schlimmste für die goldenen Bienen war, war dass sie ihre Freude an der Arbeit verloren hatten. Sie hatten ein funktionierendes System geschaffen, doch vermissten das freie Leben und die Abende mit ihren Freunden.
Die goldenen Bienen saßen nun in ihrem Morast umringt von einer Mauer. Durch kleine Löcher, die der Frost des Winters in die Mauer gefressen hatte, beobachteten Sie nun das Treiben um sie herum und wünschten sich, wie Früher, ein Teil davon zu sein. 

 

"Römerkastell", Öl und Acryl auf Leinwand, 280cm x 305cm, 2016 

 

"Frau", Öl und Leinwand auf Leinwand, 120cm x 100cm, 2015 

 

ohne Titel, Acryl und Stoff auf Papier, 100cm x 70cm, 2012

 

"ruhende Masse", Öl auf Leinwand, 100cm x 100cm, 2013 


"Philipp", Acryl auf Leinwand,120cm x 80cm, 2012 

 

"Brenne", Ölpastell auf Papier, 70cm x 100cm, 2012


"Becolin", Ölpastell auf Papier, 70cm x 100cm, 2012 


ohne Titel, Acryl auf Papier, 70cm x 100cm, 2012 


ohne Titel, Kohle und Pastellkreide auf Papier, 70cm x 100cm, 2015 


"STVO", Kohle und Pastellkreide auf Papier, 70cm x 100cm, 2015